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Sie schlafen in Tipis, trommeln, sitzen am Lagerfeuer und kochen Beerensuppe: In Wiesbaden
pflegen die Mitglieder des "Indian and Mountain Men Club" mit Inbrunst die traditionelle
Lebensweise der Indianer. Dass sie manchmal belächelt werden, stört die Hessen wenig.
Wiesbaden - Der süßlich-beißende Geruch hängt in jeder Faser des Zelts, er setzt sich in der Nase
und allen Kleidungsstücken fest, kaum, dass man das Tipi betreten hat. Es ist das starke Aroma des
Feuers, das Wärme spendet und den Regen verdampfen lässt. Zumindest wenn er nicht allzu heftig
durch die offene Spitze des Zeltes prasselt. Für Ulrich Ackermann ist es der Geruch der Freiheit.
"Wenn man hier liegt und den Mond sehen kann, ist das die Belohnung für alles", sagt der 43-Jährige,
der im Alltagsleben Lagerist gelernt hat und derzeit als Fahrer in Wiesbaden arbeitet.
Nässe, Kälte, Wind - nichts schreckt Ackermann ab. Auch nicht das harte Bett aus Weidenruten, das nur
mit ein paar Fellen bedeckt wird. Die unbequeme Schlafstatt gehört nun einmal dazu zum Leben im Freien,
und auch, dass man sich mal "vollregnen" lässt.
Ackermanns Lebensgefährtin Sabine Frauenstein war anfangs entsetzt. "Jetzt geht er wieder
Indianer spielen", dachte die Sekretärin, wenn der zweifache Vater eins seiner Kostüme anzog.
Inzwischen geht Frauenstein längst mit zu den Treffen des "Indian and Mountain Men Club Wiesbaden",
dessen Vorsitzender Ackermann seit sieben Jahren ist. Sie nimmt sogar an den Tipi-Lagern teil, die der
Wiesbadener Klub und andere Vereine in Deutschland regelmäßig veranstalten. Allerdings legt Frauenstein
ein paar Felle mehr aufs Weidenbett als ihr Mann, damit es weicher wird. Sie sehe das ganze eher
"von der romantischen Seite", entschuldigt sich die fröhliche Frau mit den blonden Zöpfen.
Ackermann dagegen will möglichst authentisch leben. Er kann sich gar nicht oft genug von den
"Möchtegern-Indianern" distanzieren, die um ein Feuer hüpfen "und sich auf den Mund hauen".
Es gehe darum, "Geschichte zu leben", sagt Ackermann. Und um Respekt. Niemals etwa würde
sich der Wiesbadener Vereinschef eine Feder ins Haar stecken oder eine "ganze Sonne" tragen -
also einen Federkranz. Weil der Kopfschmuck für Indianer eine Auszeichnung sei. Er renne ja auch
nicht mit einem Bundesverdienstkreuz herum, ohne es verliehen bekommen zu haben, sagt Ackermann
abfällig.
Der Hesse und seine Clubmitglieder üben sich lieber in alten Handwerkskünsten, gerben Leder, nähen
Kleidung mit Sehnen zusammen, sitzen am Lagerfeuer in ihrem Rundbau in Wiesbaden und erzählen
Geschichten. Strom gibt es dort nicht, als Sitzbänke dienen alte Eisenbahnschwellen, die mit Fellen bedeckt sind.
Beerensuppe schmeckt - wenn man den ersten Löffel geschafft hat
Auch auf diesem letzten Indianer-Camp der Saison, das der befreundete Rüsselsheimer Klub
"Trapperground" veranstaltet, versuchen die Teilnehmer, alte Traditionen aus Übersee so gut es
geht zu pflegen. Nachmittags setzt sich die Trommelgruppe mit ihren selbstgebauten Instrumenten
an den Feuerplatz. "Waci - oyate ce hi pelo - das Volk kommt zum Tanz", singen die Frauen.
Es ist ein Lied der Lakota, ein Sioux-Stamm, dem sich Ackermann besonders verbunden fühlt.
Die seltsamen Klänge sind noch bis zum Parkplatz des benachbarten Kleintierzüchtervereins
zu hören. Dort scheint man sich an die Indianer nebenan gewöhnt zu haben.
Die decken nach dem Trommeln langsam den Abendbrottisch. Für das letzte Mahl hat man auf
Traditionelles verzichtet, in der Trapperhütte werden Platten mit Trauben, Käse und Wurst aus
dem Supermarkt bestückt. Die Rama steht schon draußen auf dem Holztisch. Man habe aber auf
Lagern auch schon Hühnchen geschlachtet und gerupft, sagen die Indianer. Ackermann kocht
manchmal sogar Beerensuppe mit Fleisch, Zwiebeln, Kartoffeln und Honig. Die sei eigentlich
ganz gut, sagt er. Wenn man den ersten Löffel hinter sich hat.
Der Wiesbadener ist einer der überzeugtesten Indianer im Klub. Es gibt auch die, für die der Klub
nur ein Hobby von vielen ist. "Manche machen noch Mittelalter, Bauchtanz, Linedance, alles auf
einmal", sagt Ackermann. Doch er ist durch und durch Indianerfan. Seine Wohnung zu Hause ist
voll mit Büffelköpfen, Bildern und traditionellen Gegenständen.
Vielleicht sieht der zurückhaltende Mann, der manchmal völlig in sich gekehrt an der Feuerstelle
sitzt, deshalb in den traditionellen Gewändern aus, als würde er nie etwas anderes tragen.
An diesem Tag hat er die dunkelbraunen, langen Haare zu zwei dünnen Zöpfe geflochten, über
den Ohren ist an beiden Seiten ein Stückchen kahlrasiert. Das Gewand aus Hirschleder ist so
detailgetreu nachgenäht wie nur möglich, mit Beinkleidern und einem Lendenschurz aus Wolfsfell.
Um den Hals hängen ein Messer und mehrere Perlenketten, an den Spitzen der Zöpfe baumeln
winzige Medizinbeutel aus Stoff, "mit Kräutern, die gut für mich sind", sagt Ackermann. An den
Fersen der Mokassins zieht der Hobby-Indianer Kojotenschwänze hinter sich her, die beim Laufen
durch den Sand schleifen und so Spuren verwischen sollen.
Ackermann weiß, dass er manchmal belächelt wird. Bei der Arbeit werde "schon mal ein Witz
gerissen", erklärt er. Aber da steht er drüber, hat kein Problem, von seiner Leidenschaft zu
berichten. Seine Existenz als Hobby-Indianer gehört zu ihm, fast seit er denken kann. Schon als
Kind schlüpfte der Hesse an Karneval am liebsten ins Indianerkostüm. Als Teenager trat er dann
einer Art Western-Verein bei.
Seine Geschichte hat Ackermann nach alter Indianer-Manier auf ein großes Stück Leder gemalt,
das jetzt über dem Eingang in seinem Tipi hängt. Eine Büffelherde ist zu sehen, sie erinnere an die
erste Zusammenkunft mit den mächtigen Tieren, sagt er. Weiter oben lodert ein Feuer - vor einigen
Jahre hat das Vereins-Gelände in Wiesbaden gebrannt. Und irgendwo am Rande des Leders ist eine
Weggabelung gezeichnet. Die Entscheidung, das Indianer-Thema ernsthaft zu studieren, mehr zu
machen als nur Party am Lagerfeuer, scheint wichtig gewesen zu sein.
Wie eine Chinesin im Dirndl
Irgendwann fing Ackermann an, Fachliteratur zu wälzen, Kontakt mit Historikern aufzunehmen.
Und er reiste in die USA. Um zu sehen, was aus dem Volk geworden ist, dessen frühere Lebensweise
in Romanen und Kinderbüchern gern verklärt wird und für ihn so viel Freiheit bedeutet. Es war
eine Begegnung mit einer traurigen Realität. Und mit viel Misstrauen.
Ackermann sah abgewrackte Wohncontainer, verschimmelte Garagen, den Alkoholismus,
der in dem vollkommen verarmten Pine Ridge Reservat weit verbreitet ist. "80 Prozent der Menschen dort
sind arbeitslos", sagt Ackermann. Der Empfang in dem verarmten Areal, wo mehr als 20.000 Lakote
leben, war alles andere als herzlich. Ackermann war er erst einmal "der Weiße", wie er selbst
eingesteht. Bei einer Tanzveranstaltung, bei der er zusehen wollte, stellten sich einige Männer vor
ihn wie eine Wand.
Der Hesse hatte es nicht anders erwartet. "Ich habe in den USA eine Chinesin im Dirndl gesehen",
sagt er. Für die Indianer sei es wohl ähnlich, wenn sie das erste Mal von seiner Leidenschaft hörten.
Doch inzwischen werde er von Indianern mitunter schon nach alten Techniken für das Kleiderfärben
befragt, sagt Ackermann stolz. Und dass sich im Laufe der Jahre in den USA Freundschaften entwickelt
hätten. "Ich habe Dinge gesehen, die nicht jeder gesehen hat", erklärt er geheimnisvoll. Mehr
will er nicht dazu sagen.
Inzwischen reist Ackermann regelmäßig in die USA und sammelt Spenden, um dem Reservat
zu helfen. Nach mehr als zwei Jahrzehnten habe er aus seinem Hobby auch schon "viel ins Leben
mitgenommen", sagt der Wiesbadener. Sein Verhältnis zur Natur etwa habe sich geändert,
"wenn ich auf einem Spaziergang Papier auf dem Boden sehe, hebe ich es einfach mal auf".
Ein Bekannter hat ihn mal mit in einen Dartverein genommen. "Wir haben zweimal auf die Scheibe
geschossen und dabei fünf Bier getrunken", sagt der Wiesbadener, und fügt hinzu: "Was soll ich da?"

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Quer durch Deutschland werden vom Frühjahr bis zum Herbst Camps veranstaltet - wie hier auf
dem Gelände des "Trapperground", eines Klubs in Mainz-Bischofsheim. Dann wird in Tipis geschlafen
und der Tag mit Geschichtenerzählen oder Trommeln verbracht. Die Instrumente sind originalgetreu
nachgebaut, die Lieder traditionelle Sioux-Gesänge.

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Ackermann hat sein Wolfsfell aufgehängt, wenn es kalt wird, hat er so schnell etwas zum Anziehen.
Ihre Gewänder nähen die Indianer größtenteils selbst aus Fellen, Hirschleder und Sehnen. Auch die
Tipis werden in Teamarbeit gebastelt.

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Der Tipi ist oben offen, so kann der Rauch des Feuers abziehen. Und man kann nachts den Mond
betrachten - für Hobby-Indianer Ackermann ist das der Inbegriff der Freiheit.

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An das Schild vor der Tür werden Ackermann zufolge Pfeil und Bogen gehängt, wenn der Mann zu
Hause ist. Weil der Tipi traditionell das Reich der Frauen sei.

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Die Schlafgelegenheiten im Zelt sind eher einfach: Ein Bett aus Weidenruten, über das einige Felle
und Decken gelegt werden.

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Nach traditioneller Art hat auch Ackermann seine Lebens-Geschichte auf ein Stück Leder gemalt.
Von seiner ersten Begegnung mit einer Büffelherde ist dort nun ebenso die Rede wie vom Brand
des Vereinsgeländes in Wiesbaden vor einigen Jahren.

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Auf dem Trapperground geht es rustikal zu. Den beheizbaren Badezuber, in dem mehrere Presonen
Platz haben, hat Grundstücksinhaber Tosy Zillmann eigens von einem Tischler anfertigen lassen.
Indianerdorf am Bauernhof
14.08.09|RodgauFacebook
Jügesheim - (eh) Im Indianerzelt ist es bullig warm. Obwohl Trotz 25 Grad im Schatten brennen einige Buchenscheite in der Feuerschale. „Damit die Feuchtigkeit raus geht“, sagt Torsten Zillmann, der auf einer Wiese am Bauernhof Raab zeltet. Der ausdauernde Regen in der Nacht zum Donnerstag hat ihm nichts ausgemacht, sein Zelt hielt dicht: „Wenn man ein Tipi richtig aufbaut, regnet es nicht rein.“
© Wolf
Überraschend viel Platz hat Tosy Zillmann in seinem Tipi. Die Innenausstattung ist selbst angefertigt.
Dafür sorgt auch das offene Feuer. Während der Rauch durch die Rauchklappe abzieht, lagert sich etwas Ruß an dem Baumwollstoff ab. „Das ist die beste Imprägnierung, die es gibt“, sagt Zillmann. Im Lauf der Zeit erhält der Stoff dadurch eine hellbraune Farbe.
Die Färbung macht es deutlich: Zillmanns Tipi wird intensiv genutzt. Der braungebrannte 47-Jährige, der auf dem Zeltplatz nur „Tosy“ heißt, ist etwa jedes zweite Wochenende in Sachen Indianer unterwegs. Die Saison dauert für ihn von Anfang März bis Ende Oktober, „aber es gibt auch Winterlager“.
© WolfDie Zeltbahn für ein Vier-Meter-Tipi kostet um die 500 Euro, wenn man nicht selbst näht.Mit vier Metern Durchmesser ist das Tipi ein eher kleiner Vertreter seiner Gattung: ein „Jagdtipi“, in dem zwei bis drei Personen bequem Platz finden. Zur Innenausstattung gehört neben Feuerstelle und Schlafgelegenheit die persönliche Ausrüstung: Bewaffnung (Bogen, Lanze, Messer, Beile), Kleidung und Kopfbedeckung, Tanzschild und Handtrommel, der Pfeifenbeutel und die Federn, die man verliehen bekommen hat.
Outfit und Bewaffnung unterscheiden sich von Stamm zu Stamm. In Jügesheim ist die Kultur der Sioux/Lakota, Cheyenne und Waldlandindianer vertreten. Das Tipidorf bevölkern Mitglieder aus drei befreundeten Vereinen: Indian and Mountain Men Club Wiesbaden, Indianerfreunde Karlsruhe und Trapperground Rüsselsheim. Sie besuchen sich oft gegenseitig und fahren gemeinsam zu Lagern anderer Clubs. „Wir trommeln auch zusammen“, erzählt Karin Felger aus Karlsruhe, die gerade mit ihrem Mann Jürgen ein Tipi einräumt. So ein Vier-Meter-Tipi kann man
zwar allein aufbauen, aber zu zweit oder zu dritt geht es leichter. Außer der Zeltbahn braucht man dazu elf lange Holzstangen. Zunächst bindet man drei Stangen zusammen, mit dem langen Ende der Schnur zieht man sie hoch. An den Dreierbock lehnt man von jeder Seite weitere Stangen, mit der letzten hebt man die Zeltbahn an. Man zieht sie um das Gestänge herum und steckt die Enden über dem Eingang fest. Grundregel für Besucher: Nur wenn die Eingangsklappe offen ist, sind Gäste willkommen.
„Was wir machen, hat mit Indianer spielen nichts zu tun“, sagt Karin Felger. Neben der Verbundenheit zur Natur gehe es vor allem darum, indianische Kultur darzustellen. Mit allem Respekt, wie Tosy Zillmann betont: „Auf einem Event wie diesem würde ich mir nie herausnehmen, mir eine stehende Feder ins Haar zu stecken.“ Auch religiöse Rituale sind tabu. Zillmann: „Wir sind keine Indianer und wir werden keine Indianer sein - niemals.“
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